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Der Arenenberger Park: Entstehung, Verlust und Wiederherstellung eines Gartenjuwels
Rund um das Thurgauer Schloss, in dem Napoleon III., der letzte Kaiser Frankreichs seine Kindheit und Jugend verbrachte, breitet sich ein beeindruckender Landschaftspark mit spektakulären Blicken über den westlichen Bodensee aus. Neben den historischen Gärten und Parkanlagen stehen Besuchern Felder und Schulgärten offen, auf denen moderner Kräuter-, Gemüse-, Obst- und Getreideanbau gelehrt wird. Dazu kommen die Weingärten, deren Geschichte bis in die römische Zeit zurückreicht.
Ursprünge in der Spätantike und im Mittelalter
Archäologische Funde belegen bereits für die Spätantike Weinbau auf dem Arenenberg. Die ersten schriftlichen Erwähnungen von Gärten an dieser Stelle stammen aus dem beginnenden 15. Jahrhundert. Genannt wird das Gut einer Konstanzer Patrizierfamilie mit umfangreichen Weinbergen, dazugehörigen Gebäuden und separaten Gärten. Es handelt sich allem Anschein nach also zunächst um ein Weingut außerhalb der Stadt, das sich schnell zu einem adligen Landsitz mit beachtlichen Ausmassen entwickelte. Später war es der reformierte Konstanzer Bürgermeister Sebastian Gaissberg, der um 1530 auf dem Arenenberg ein Schloss mit Lustgarten errichten liess. Fortan befand sich das Anwesen im wechselnden Besitz von Konstanzer bzw. Thurgauer Patrizierfamilien. Sie nutzten das Schlossgut als Wohnsitz, als Sommerfrische und auch als Weingarten.
Königin Hortense gestaltet einen modernen Landschaftspark
1817 verliebte sich eine Königin in den Arenenberg – und machte ihn zu dem Ort, der er heute ist. Die Stieftochter Napoleons I. und ehemalige Regentin von Holland, Hortense de Beauharnais (1783–1837), lebte ab 1815 mit ihrem Sohn Louis Napoléon, dem späteren Kaiser Napoleon III., am Bodensee im Exil. Aus Paris hatte sie nach dem Sturz Napoleons I. fliehen müssen – wie alle Angehörigen der napoleonischen Familie.
Den Arenenberg lernte sie bereits 1816 auf einem ihrer zahlreichen Ausflüge um den Bodensee kennen. 1817 kaufte sie das Anwesen und begann sofort mit den Gartenplanungen. Dabei verfolgte sie die Ideen des französischen Gartenarchitekten Louis-Martin Berthault (1770–1823). Bis heute sind seine Vorstellungen vom Gegensatz zwischen Hell und Dunkel, zwischen Wasser und Wald im Arenenberger Park nachvollziehbar. Bewundernde Erwähnung fanden die zahlreichen Wasserspiele sowie die grandiose Umgebung. Nicht umsonst wird in frühen Bodensee-Reiseführern für den Arenenberg gerne die Bezeichnung «Feenreich» verwendet.
Sohn Louis übernimmt die Park-Regie
In den 1830er Jahren nahm Louis Napoléon (1808–1873) seiner Mutter die Parkgestaltung mehr und mehr aus der Hand. Unterstützt durch seine Grossmutter, Kaiserin Joséphine, interessierte sich Louis seit früher Kindheit für den Gartenbau und ergriff nun, als junger Prinz, die Initiative: Er veränderte den Bereich vor dem Schloss und errichtete eigenhändig Installationen wie die Brücke am Parkeingang. Der erste bisher bekannte genaue Plan der Anlage geht auf diese Phase zurück und kann auf 1834 datiert werden. Louis orientierte sich, dem Geschmack der Zeit folgend, an den Ideen des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau, mit dem er zeit seines Lebens in Verbindung stand. Später, als Kaiser, gestaltete er mit dem Fürsten zusammen unter anderem den Bois de Boulogne in Paris. Auf Arenenberg veränderte Louis das verschlungene Wegesystem und erweiterte die Anlage. Im Westen verschwanden Rebhänge zugunsten der «Grossen Promenade». Im Osten wuchs der landwirtschaftlich geprägte Aussenpark (die sog. «Ferme ornée» bzw. «Ornamental Farm»). Er geht auch heute noch harmonisch in das Breitegut bzw. die Liegenschaft des benachbarten Lilienbergs über, die mit ihren einst ausgedehnten Rebhängen ein prachtvolles Portal für das Gartenreich bildete.
Was nach Louis’ Weggang geschah
Obwohl Prinz Louis Napoléon den Arenenberg 1843 veräussern musste, behielt er die Verhältnisse am Bodensee immer im Auge. So bald als möglich kaufte der nunmehrige Kaiser Napoleon III. das Schloss und seine Anlagen zurück. Mehr noch: Er gab die Devise aus, auf Arenenberg alles in den Zustand wie zu Lebzeiten seiner Mutter (um 1837) zurückzuversetzen. Damit erfolgte eine erste Restaurierung im eigentlichen Sinn. Für den Park zeichnete als kaiserlicher Obergärtner Josef Stanislaus Kodym verantwortlich, ein Schüler des Fürsten Pückler. Er nahm in enger Abstimmung mit dem Monarchen Ergänzungen vor. So wurden beispielsweise das Gästehaus und das heute weitgehend verschwundene Arboretum (eine Sammlung seltener Bäume) systematisch vergrössert.
Nach dem Tod Kaiser Napoleons (1873) diente Josef Stanislaus dessen Witwe Eugénie als Intendant. Am Zustand des Parks aus der Zeit von Königin Hortense und ihrem Sohn änderte sich nur wenig. Lediglich das Palais wurde modernisiert. Für Pflanzen interessierte sich die Kaiserin kaum. Einzig Kakteen fanden ihr Gefallen.
Der Park wird kantonale Nutzfläche
1906 schenkte Kaiserin Eugénie das Schlossgut Arenenberg dem Kanton Thurgau. Sie verfügte, dass ein «napoleonisches Museum» und eine öffentliche Nutzung darin untergebracht werden sollen. Der Kanton entschied sich, neben dem geforderten Museum seine Landwirtschaftliche Schule auf dem Arenenberg anzusiedeln. Aus gärtnerischer Sicht ein problematischer Beschluss. Die Schule fühlte sich dem grossen Erbe nicht verpflichtet. Wichtige Bereiche des Parks wurden gerodet oder als Deponie für Bauaushub genutzt. Auf freien Flächen entstanden teilweise ohne Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen landwirtschaftliche Zonen. Die historische Orangerie, Treibhäuser, das Hoftheater und die Gärtnerei wurden abgerissen und durch funktionale Schulbauten ersetzt. Das Arboretum diente als Ausbildungsgelände, um das Fällen grosser Bäume zu unterrichten. Nur wenige der kostbaren Gewächse überlebten.
Auch das Museum selbst verfolgte die Parktradition auf der ihm zugewiesenen Fläche nur bedingt. 1955 verlor der Pleasureground durch Umbauten seinen Charakter als Teil des Landschaftsparks. Dort entstand stattdessen eine Fläche, die Elemente französischer Barockgärten kombiniert. Noch im Jahr 2000 galt die vormals überwältigende Schönheit des Arenenberger Parks als für immer vergangen.
Die Wiederherstellung: Der Park wird wieder zu einem Juwel
Auf Initiative der neuen Museumsdirektion setzte sich Anfang der 2000-er Jahre die Stiftung Napoleon III., der Freundeskreis des Napoleonmuseums, die Wiederherstellung des Arenenberger Parks zum Ziel. Begleitet von einer grossartigen Spendensammlung seitens der Stiftung starteten das Museum und die kantonalen Ämter für Archäologie und Denkmalpflege sowie das Hochbauamt umfangreiche interdisziplinäre Forschungen und Restaurierungsarbeiten. Dabei kamen verschiedene Einbauten wieder ans Tageslicht, beispielsweise die Eremitage, die Grotte der Thetis, die Grosse Fontaine oder die Himmelsleiter. Zu verdanken ist dies auch Georg Alphons Simon, dem letzten kaiserlichen und ersten kantonalen Obergärtner. Es zeugt von grosser Weitsicht und Mut, dass er die von seinem Dienstherrn bereits 1906 angeordnete Zerstörung der Anlage nicht ausführte, sondern die Einbauten nur zuschüttete. So bewahrte er sie und schützte sie vor weiterer Zerstörung. Bereits 2008 konnte der nordwestliche Teil des Parks der Allgemeinheit übergeben werden. 2023 folgte der östliche Abschnitt. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Serpentine, dem Pavillon von Königin Hortense, der Prinzenbrücke und der Höllenschlucht.
Noch ausstehende Details für eine vollständige Rekonstruktion der einstigen kaiserlichen Pracht werden voraussichtlich in den kommenden Jahren umgesetzt. Als denkmalpflegerischer Leitsatz gilt sowohl in den Parkanlagen als auch in den historischen Gebäuden der Grundsatz, dass – soweit möglich – alle nach 1906 durchgeführten Veränderungen rückgebaut werden. Ziel ist die Wiederherstellung des Zustands zur Zeit der kaiserlichen Familie. Wo dies aufgrund mangelnder Quellen und Befunde nicht möglich ist, bleiben die Eingriffe des 20. Jahrhunderts einstweilen sichtbar.
Kontakt
Napoleonmuseum Arenenberg
8268 Salenstein
Tel. +41 58 345 74 10
napoleonmuseum@tg.ch
www.napoleonmuseum.tg.ch
Das Napoleonmuseum Arenenberg in Kürze:
Das seit 1855 zu besichtigende Napoleonmuseum Arenenberg ist das einzige deutschsprachige Museum zur napoleonischen Geschichte. Sein Forschungsgebiet reicht von der französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Zu diesem Zweck unterhält das Haus wertvolle Sammlungen verschiedener Genres sowie ein umfangreiches Archiv. Seine ca. 35'000 Bände umfassende Forschungsbibliothek wird laufend erweitert. Seit einigen Jahren unterzieht sich das Napoleonmuseum einem Wandel. Zusätzliche Räume des ehemaligen Schlossguts Arenenberg erlauben es zukünftig, aus dem bestehenden Haus ein modernes Institut zur Erforschung, Bewahrung und Präsentation der napoleonischen Geschichte zu entwickeln. Die Sammlung umfasst weltweit begehrte Ausstellungsstücke.
Mit jährlich rund 25'000 Besuchern zählt das Museum darüber hinaus zu den Anziehungspunkten des Bodenseegebietes. Regelmässige Sonderausstellungen beschäftigen sich mit Facetten der napoleonischen Geschichte am Bodensee. Der umliegende Landschaftspark ist frei zugänglich. In der «Arenenberger Gartenwelt» können Besucher eine Gartenzeitreise en miniature erleben. Der Museumsshop besitzt den Charme einer Boutique und bietet vielfältige regional- und landestypische Produkte an.
Aufgrund seiner Lage am internationalen Bodensee und seiner Geschichte versteht sich das Napoleonmuseum Arenenberg als Mittler zwischen den Staaten. Frankreich, die Schweiz, Deutschland, Italien, England, Polen, die USA: Es gibt praktisch keine Nation, zu der die Familie Bonaparte von Schloss Arenenberg aus nicht in Verbindung stand. Dieser Tradition folgend unterhält das Napoleonmuseum umfangreiche internationale Kontakte.
Der Arenenberg in Kürze:
1906 schenkte die französische Kaiserin Eugénie dem Kanton Thurgau das Schlossgut Arenenberg am westlichen Bodensee. Mit der Schenkung wurde die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Schule und eines napoleonischen Museums vereinbart.
Seither ist der Arenenberg ein Ort, an dem sich auf die Vergangenheit besonnen und zugleich «Zukunft gemacht wird».
Die Berufsfachschule, das Beratungszentrum und die Arenenberger Versuchsbetriebe stehen heute für die kompetente Vermittlung nachhaltiger Landwirtschaft. Zudem ist der Arenenberg inspirierender Lernort für unterschiedlichste Gruppierungen.
Das Napoleonmuseum präsentiert mit den originalen Interieurs seiner ehemaligen kaiserlichen Bewohner und dem grossen Landschaftspark rund ums Schloss einen wichtigen Teil der Arenenberger Geschichte. Das Bistro Louis Napoléon sowie das Hotel Arenenberg sorgen zudem für unvergessliche Genussmomente.