Der vergessene Monarch

Napoleon III.: Ein Europäer auf dem französischen Thron

Schon in Frankreich lernt er Deutsch als erste Fremdsprache. Das kommt ihm zugute, als er 1815 – noch keine acht Jahre alt – mit seiner Mutter Hortense an den Bodensee ins Exil zieht. Arenenberg und Konstanz werden zu seiner Heimat, nach der er sich Zeit seines Lebens sehnen wird. Hier sammelt er wichtige Erfahrungen. Aber auch seine Aufenthalte in England, Italien, Frankreich, in der Schweiz, in Deutschland und den Vereinigten Staaten prägen den letzten französischen Monarchen massgeblich.

Die Vorgeschichte
Charles-Louis-Napoléon Bonaparte wird am 20. April 1808 als dritter Sohn (seine beiden älteren Brüder sterben früh) von Hortense de Beauharnais und Louis Bonaparte in Paris geboren. Sein Vater Louis ist zu diesem Zeitpunkt König von Holland und der Lieblingsbruder Kaiser Napoleons I., seine Mutter Hortense die Tochter der legendären Kaiserin Joséphine. Da Napoleon I. und Joséphine keine ehelichen Kinder haben, bestimmt der Kaiser seinen Neffen Louis Napoléon bzw. dessen älteren Bruder Napoléon Louis zum Thronerben. Die Ehe der Eltern steht unter keinem guten Stern. 1809 trennen die beiden sich. Louis Napoléon wächst bei seiner Mutter und seiner Grossmutter Joséphine auf. Nach der ersten Abdankung Napoleons I. und während seiner kurzzeitigen Rückkehr an die Macht 1815 steht Hortense auf der Seite des «Grossen Korsen» und repräsentiert während seines letzten Feldzuges das Kaiserreich. Das führt nach dessen endgültiger Niederlage bei Waterloo zu ihrer Verbannung. Napoleon I. wird auf die Insel St. Helena verschifft, Hortense und ihre Familie müssen Frankreich verlassen.

Auf dem Weg in die neue Heimat – von der Flucht bis zum Kauf des Arenenbergs
Fünf Monate dauert es, bis Hortense mit ihrem Sohn Louis Napoléon im Dezember 1815 den Thurgau und Konstanz erreicht. Samt Hofstaat, dutzenden Koffern und Hausrat sind sie unterwegs – und werden immer wieder ausgewiesen. Die ehemalige First Lady des Kaiserreiches länger zu beherbergen oder ihr gar einen dauerhaften Platz zum Leben anzubieten, ist für ein potentielles Gastland politisch zu gefährlich. Erst in Konstanz kehrt Ruhe ein. Am Abend des 7. Dezembers 1815 kommen die Bonapartes in der Stadt an und übernachten im ersten Haus am Platz: im Hotel Zum Goldenen Adler. Schon im Folgemonat zieht Hortense mit ihrer Gefolgschaft in das Zumsteinsche Gut auf der Petershauser Seite der Konstanzer Bucht um und erkundet die Gegend auf der Suche nach einer weiteren Immobilie. In dieser Zeit entwickelt sich der kleine Louis zu einem wahren Konstanzer Lausbuben. Die Weinberge und das Ufer entlang der heutigen Seestrasse und des Seeuferwegs bis zum Hörnle werden zum Abenteuerspielplatz für den jungen Prinzen – nicht zuletzt die berüchtigte Schmugglerbucht und das „Käntle“, einst eine Wirtschaft am See nahe der heutigen Rosenau. Orte, an denen so manche dunklen Gestalten verkehren. Seine Mutter möchte neben einem repräsentativen Schloss oder Palais standesgemäss auch einen Landsitz erwerben. Im benachbarten Thurgau wird sie mit Schloss Arenenberg oberhalb von Mannenbach fündig. Einen zweiten Landsitz erwirbt sie in Konstanz, das zum Grossherzogtum Baden gehört: Das Loretto oder heute Seeheim genannte Gut, ganz in der Nähe des Konstanzer Hörnles gelegen. Da Immobilienbesitz der Königin in Baden unerwünscht ist, fädelt sie den Kauf der Liegenschaft über das befreundete Bankhaus Macaire ein.

Dem Arenenberg verpasst die stilvolle neue Hausherrin gleich zu Beginn ein Upgrade. Zinnenmauer und Nebengebäude lässt sie abreissen, ein neues Funktionsgebäude, die Dependance, wird errichtet. Während der Bauzeit pendelt Hortense viel zwischen Konstanz und einer weiteren Liegenschaft in Augsburg. Louis Napoléon wird dort das Gymnasium besuchen. Sein Vater und sein älterer Bruder leben im italienischen Exil, meist in Florenz und Rom. Der Bodensee bleibt allerdings der Lebensmittelpunkt von Louis Napoléon: Je repräsentativer der Arenenberg wird, desto mehr Zeit verbringt er mit seiner Mutter und deren Bediensteten hier.

Impulse für Stil und Mode, Impulse für die Wirtschaft, Impulse für die Politik
Louis Napoléon lebt sich am Bodensee ein und das Flair seiner Mutter beflügelt die Region. Ihr Geld und ihre Beziehungen sorgen am Bodensee für einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung. So finanzieren die Bonapartes z.B. den Beginn der Dampfschifffahrt auf dem Bodensee mit und unterhalten enge Verbindungen zum Fürsten Esterházy auf der nahen Insel Mainau, dem wahrscheinlich reichsten Mann ihrer Zeit. Gemeinsam schaffen sie am Bodensee eine Kulturlandschaft ohnegleichen. All das wirkt auf den jungen Louis Napoléon ein. Zugleich sind es nicht nur die wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte, die ihn prägen, sondern auch politische. Ganz Europa befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Noch gelingt es den konservativen Kräften, die republikanischen Freiheitsbewegungen zu unterdrücken, aber die Ideen von neuen Staatsformen werden überall diskutiert. Der Prinz aus dem Hause Bonaparte kennt viele der namhaften Denker dieser Zeit, er diskutiert und tauscht sich mit ihnen aus. So verkehrt auch der liberale Konstanzer Theologe Ignaz von Wessenberg, Verfechter der Aufhebung des Zölibats, auf dem Arenenberg. Und mit dem Offizier Guillaume-Henri Dufour der Gründungsvater der modernen Eidgenossenschaft. Er wird für Louis Napoléon ein lebenslanger Freund sein. Trotz des grossen Altersunterschieds verkehren die beiden von Anfang an auf Augenhöhe miteinander. Für Louis ist Dufour der zweite Vater, für Dufour Louis der Sohn, den er nie hatte.

Politischer Träumer und Dandy
Wann genau Louis Napoléon beginnt, seine politische Karriere zu planen und voranzutreiben, lässt sich momentan nicht genau sagen. Wahrscheinlich spürt er schon immer einen Drang dazu. Auch seine Mutter macht ihn subtil mit seiner künftigen Aufgabe vertraut. In den 1830er Jahren entwickelt er ein eigenes politisches Programm, das die nationale Größe Frankreichs, sozialen Fortschritt und eine Orientierung am „napoleonischen Mythos“ verbindet. Schon vorher sympathisiert er mit den revolutionären Bewegungen in Europa. Mit dem Freiheitskampf der Griechen (Lord Byron trifft er auf Arenenberg) und den Karbonari-Aufständen in Italien. An diesen nimmt er aktiv teil, wobei sein vier Jahre älterer Bruder Napoléon Louis stirbt. Nach dem Tod Napoleons II. (des Sohnes Napoleons I. mit seiner zweiten Frau Marie Louise von Habsburg) im Jahr 1832 erklärt er sich zum rechtmäßigen Erben der Dynastie. Mehr oder minder gleichzeitig veröffentlicht er politisch-militärische Schriften. Darunter z.B. die «Rêveries politiques» («Politische Träumereien») oder «Die Ausrottung der Armut». Er absolviert eine kurze militärische Ausbildung im badischen Militär (Konstanz) und bei der Schweizer Miliz. Nach der Veröffentlichung seines „Handbuchs über die Artillerie“ wird er zum Hauptmann ehrenhalber ernannt. Parallel dazu beschäftigt er sich intensiv mit Gartenbau bzw. Gartenarchitektur und pflegt engen Kontakt mit dem preussisch-sächsischen «Parkomanen» Fürst Hermann von Pückler-Muskau. Mit ihm zusammen wird er später die Gartenanlagen und Squares des modernen Paris planen. Der Park von Arenenberg wird dafür zum Versuchsfeld, Spielplatz und Gedenkort. In ihm finden sich noch heute die Kopien von wichtigen napoleonischen Gedenkstätten. Darunter die einzige Grabkopie Napoleons I. von Sankt Helena. Auch um die zahlreichen Spione der Großmächte in die Irre zu führen, entwickelt Louis Napoléon ein ausschweifendes gesellschaftliches Leben, was ihm den Ruf eines Dandys und Schürzenjägers einbringt, der ihm bis heute anhaftet. Neben Italien hält sich der Prinz häufig immer wieder im heutigen Deutschland und in Grossbritannien bzw. den USA auf. Dort studiert er eifrig die gesellschaftlichen und industriellen Entwicklungen.

Putschist, Gefangener und demokratisch gewählter Präsident
1836 (Strassburg) und 1840 (Boulogne) versucht Louis-Napoléon, sich als Erbe Napoleons I. an die Spitze Frankreichs zu putschen. Während seiner Haft in der Festung Ham setzt er seine publizistische Tätigkeit fort und erarbeitet Pläne für ein soziales Kaiserreich, das sich per Plebiszit legitimiert. Nicht umsonst bezeichnet er diese Zeit als seine «Studienjahre». 1846 flieht er aus der Haft und wird von England aus 1848 zum Präsidenten der Zweiten Republik gewählt. Damit beginnt sein direkter Aufstieg zum Kaiser von Frankreich.

Kaiser der Franzosen: Veränderungen im Innern
Da die damalig gültige Verfassung eine Wiederwahl untersagte, putscht Louis Napoléon am 2. Dezember 1851 erneut und löst die Nationalversammlung auf. Es folgt eine Welle von Verhaftungen und die Ausschaltung der republikanischen Opposition. Ein Jahr später wählen die Franzosen Louis Napoléon per Plebiszit zum Kaiser. Die frühen Jahre seiner Herrschaft sind durch den Ausbau eines zentralen Verwaltungsstaates geprägt, der von Bonapartisten bestimmt ist. Oppositionelle werden ausgewiesen, in Strafkolonien verbracht oder streng überwacht. Napoleon III. versteht sich dabei als moderner Monarch, der wirtschaftlichen Fortschritt, soziale Befriedung und nationale Größe miteinander verbindet. Innenpolitisch setzt er auf massive Modernisierung: Der Ausbau des Eisenbahnnetzes, der Hafenanlagen und der Telegraphie sowie die Förderung von Industrie und Handel verändern Frankreich radikal. Es entwickelt sich zu einer der fortschrittlichsten Volkswirtschaften Europas. Der Erfolg seiner Politik lässt sich bis heute an der Umgestaltung seiner Hauptstadt Paris nachvollziehen, das er zu einem modernen, hygienischen und sehenswerten Gemeinwesen entwickelt. Auf ihn selbst gehen die zahlreichen Parkanalgen, Gärten und Squares zurück, deren Bau ihm besonders am Herzen liegen. Dies gilt auch für die Wissenschaft und Künste, die er nicht nur gezielt fördert, sondern in seiner Freizeit auch selbst pflegt (z.B. mit dem Buch «Histoire de Jules César», 1862). Zugleich gestattet der Kaiser eine sozialpolitische Öffnung, die zum Vorbild für andere europäische Staaten wird. Gewerkschaften und Arbeitervereinigungen werden erlaubt, erste arbeiterfreundliche Reformen eingeleitet.

Aussen- und Militärpolitik
Ähnlich wie im Innern verfolgt Napoleon III. auch bei seiner Aussenpolitik das Ziel, Frankreich (wieder) zu einer führenden Nation in Europa zu machen und die empfundene Degradierung durch den Wiener Kongress abzuschütteln. Dies gelingt ihm z.B. durch seinen erfolgreichen Eintritt in den Krimkrieg (1853-1856) oder sein Engagement gegen Österreich auf der italienischen Halbinsel. Der Kaiser unterstützt die kolonialen Ambitionen Frankreichs und damit den Anspruch, nicht nur in Europa, sondern weltweit eine führende Rolle zu spielen. Damit überspannt er den Bogen. Das militärische Eingreifen in den mexikanischen Bürgerkrieg entwickelt sich zum Desaster für die französische Armee. Letztendlich unterschätzt er auch die nationale Einigungsbewegung im deutschsprachigen Raum. Obwohl er persönlich mit vielen süddeutschen Herrschern nicht nur verwandt, sondern teilweise auch befreundet ist, orientieren diese sich zunehmend an Preussen. Eine Entwicklung, die letztendlich zu seiner Niederlage und Absetzung im Jahr 1870 führen wird.

Um die zunehmenden Konflikte zu entkräften, vollzieht Napoleon III. in den Jahren um 1860 einen politischen Wechsel. Er beginnt das bisherige «Empire autoritaire» zum «Empire libéral» umzubauen. Ziel ist eine konstitutionelle Monarchie, die allerdings auf innere Widerstände aus den verschiedensten gesellschaftlichen Strömungen stösst. Für die einen gehen die Reformen nicht weit genug, für die anderen sind sie ein Zeichen der Schwäche.

Ende Legende
Die von Preussen geschickt provozierte Kriegserklärung Frankreichs im Juli 1870 offenbart in vielerlei Hinsicht die Schwäche des napoleonischen Systems. Einerseits gelingt es Napoleon III. nicht, die nationale Begeisterung in seinem Kaiserreich zu kanalisieren und andererseits die süddeutschen Monarchien inklusive Österreichs auf seine Seite zu ziehen. Darüber hinaus zeigt sich, dass die französische Armee wesentliche kriegswissenschaftliche Entwicklungen verpasst hatte. Am 2. September muss ein Teil des französischen Heeres bei Sedan kapitulieren, wozu der Kaiser selbst den Befehl gibt. Als ausgebildeter Offizier und Schüler des Schweizer Generals Dufour hatte er die Aussichtslosigkeit eines weiteren Kampfes und die enormen Verluste erkannt und nicht auf sich nehmen wollen. In Paris kommt es erneut zu einer Revolution, die Dritte Republik wird ausgerufen.

König Wilhelm von Preussen (der spätere deutsche Kaiser) gewährt dem zunächst gefangenengenommenen Napoleon III. dann auf Schloss Wilhelmshöhe in Kassel Exil. Von dort aus bereitet der schon lange an einem Blasenleiden erkrankte Napoleon zunächst seine Übersiedelung auf den heimatlichen Arenenberg bzw. Bodensee vor. Quasi in letzter Minute entscheidet er sich für ein Exil in England, wo seine Frau Eugénie und der gemeinsame Sohn bereits leben. Dort stirbt er an den Folgen einer Operation.

Das Bild Napoleons III. in der Geschichtsschreibung ist bis heute vor allem in Frankreich durch ideologisch-nationalistische Darstellungen geprägt. Neuere Biografien zeichnen ein differenzierteres Bild, das stärker die positiven Auswirkungen seiner Politik für Frankreich und Europa betont.

 

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Kontakt

Arenenberg
Napoleonmuseum Arenenberg
CH-8268 Salenstein
Tel. +41 (0)58 3457410
https://napoleonmuseum.tg.ch I www.arenenberg.ch

Das Napoleonmuseum Arenenberg in Kürze:

Das seit 1855 zu besichtigende Napoleonmuseum Arenenberg ist das einzige deutschsprachige Museum zur napoleonischen Geschichte. Sein Forschungsgebiet reicht von der französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Zu diesem Zweck unterhält das Haus wertvolle Sammlungen verschiedener Genres sowie ein umfangreiches Archiv. Seine ca. 35'000 Bände umfassende Forschungsbibliothek wird laufend erweitert. Seit einigen Jahren unterzieht sich das Napoleonmuseum einem Wandel. Zusätzliche Räume des ehemaligen Schlossguts Arenenberg erlauben es zukünftig, aus dem bestehenden Haus ein modernes Institut zur Erforschung, Bewahrung und Präsentation der napoleonischen Geschichte zu entwickeln. Die Sammlung umfasst weltweit begehrte Ausstellungsstücke.

Mit jährlich rund 25'000 Besuchern zählt das Museum darüber hinaus zu den Anziehungspunkten des Bodenseegebietes. Regelmässige Sonderausstellungen beschäftigen sich mit Facetten der napoleonischen Geschichte am Bodensee. Der umliegende Landschaftspark ist frei zugänglich. In der «Arenenberger Gartenwelt» können Besucher eine Gartenzeitreise en miniature erleben. Der Museumsshop besitzt den Charme einer Boutique und bietet vielfältige regional- und landestypische Produkte an.

Aufgrund seiner Lage am internationalen Bodensee und seiner Geschichte versteht sich das Napoleonmuseum Arenenberg als Mittler zwischen den Staaten. Frankreich, die Schweiz, Deutschland, Italien, England, Polen, die USA: Es gibt praktisch keine Nation, zu der die Familie Bonaparte von Schloss Arenenberg aus nicht in Verbindung stand. Dieser Tradition folgend unterhält das Napoleonmuseum umfangreiche internationale Kontakte.

 

Der Arenenberg in Kürze:

1906 schenkte die französische Kaiserin Eugénie das Schlossgut Arenenberg dem Kanton Thurgau. Mit der Schenkung wurde die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Schule und die Fortführung des napoleonischen Museums vereinbart. Seither ist der Arenenberg ein Ort, an dem sich auf die Vergangenheit besonnen und zugleich «Zukunft gemacht wird». Die Berufsfachschule, das Beratungszentrum und die Arenenberger Versuchsbetriebe stehen heute für die kompetente Vermittlung nachhaltiger Landwirtschaft. Zudem ist der Arenenberg inspirierender Lernort für unterschiedlichste Gruppierungen. Das Napoleonmuseum präsentiert mit den originalen Interieurs seiner ehemaligen kaiserlichen Bewohner und dem grossen Landschaftspark rund ums Schloss zudem einen wichtigen Teil der Arenenberger Geschichte.